2016

Digital health. Faster please! [de]

medizintechnologie.de , February 2016
Medizintechnolgie.de published an article about how digital transformations are revolutionizing the health system. It discusses the challenges the health system faces in trying to keep pace with new developments. In an interview for the article, our #participatory health Director Ulrike Anders, founder of the Health 2.0 Berlin network, sheds some light on how the health system is coping.

Digital health. Faster please!

English abstract

Medical apps and other digital health applications open new possibilities for patient care, in that they can support medical staff or patients in diagnosing, treating or monitoring diseases. Health insurers are beginning to understand the potential for digital medicine and are closing deals with startups. Online magazine Medizintechnologie.de interviewed IXDS Director Ulrike Anders on the challenges for founders in the sector, and on how digital health innovations could reach patients faster. The specialist for service innovation and product development in health care appeals to health insurers and founders entering into early development deals.​

Digital Health. Schneller, bitte!

German abstract

Medizinische Apps und andere Digital Health-Anwendungen eröffnen neue Möglichkeiten in der Patientenversorgung: Sie unterstützen medizinisches Personal oder Patienten bei der Diagnose, Therapie oder Überwachung von Krankheiten. Das Potenzial dieser digitalen Medizin erkennen auch die Krankenkassen allmählich und schließen erste Verträge mit Start-ups. Welche Hürden Gründer im Gesundheitsmarkt überwinden müssen und wie Digital Health-Innovationen schneller beim Patienten ankommen könnten, darüber sprachen wir mit Ulrike Anders. Die Spezialistin für Service-Innovation und Produktentwicklung in der Gesundheitsversorgung aus Berlin appelliert unter anderem an Krankenkassen und Gründer, schon frühzeitig in der Entwicklung Kooperationen einzugehen.

Interview mit Ulrike Anders

Full article German

Frau Anders, haben Sie einen Überblick, wie viele Start-ups, die Lösungen für eine digitale Gesundheitsversorgung entwickelt haben, mittlerweile von Krankenkassen vergütet werden? Wie sieht diese Vergütung aus?  
Ulrike Anders: Ich weiß von neun Start-ups, die über Selektivverträge vergütet werden. Da ist also noch nichts in die Regelversorgung übergegangen, sondern es vergütet nur diejenige Kasse, mit der ein Start-up einen entsprechenden Vertrag abgeschlossen hat. 

Wie kann ein Start-up solche Verhandlungen anstoßen?  
Erst einmal muss man den richtigen und für Digital Health begeisterten Ansprechpartner bei einer Krankenkasse finden. Das ist aber gar nicht so einfach, weil häufig nicht klar ist, wer dies genau ist. Denn bei den meisten Kassen ist noch keine Struktur oder Systematik erkennbar, wie mit Innovation umgegangen wird. Wenn man dann einen passenden Ansprechpartner gefunden hat, ist es sehr wichtig, im Gespräch zu bleiben, um vielleicht gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. 

Wie kann ein Start-up das Interesse einer Krankenkasse beispielsweise für eine App wecken? 
Es gibt ein paar grundsätzliche Voraussetzungen: Zwingend zu erfüllen sind die Datenschutzanforderungen. Außerdem sollte die App als Medizinprodukt zertifiziert sein. Neben dem medizinischen Nutzen sollte man zudem belegen können, dass die App Kosten einspart. 

Sind die Zertifizierung einer App als Medizinprodukt und eventuell sogar klinische Studien für ein Start-up denn überhaupt zu stemmen? 
Die hohen regulatorischen Anforderungen sind auf jeden Fall ein Problem. Ich würde mir wünschen, dass die Kassen von den Start-ups nicht verlangen, alles gleich vorzulegen. Zum Beispiel verlangen die Kassen evidenzbasierte Studien für den Wirkbeweis des Start-up-Produktes, aber diese sind schwer zu liefern, da die Start-ups die Krankenkassen brauchen, um ausreichende Patientenzahlen und damit eine aussagekräftige Statistik zu generieren. Das ist ein Henne-Ei-Problem. Um valide Daten zu bekommen, sollten also schon frühzeitig Kooperationen angestrebt werden. 

Verhandlungen mit einer Krankenkasse könnten also schon vor dem fertigen Produkt beginnen? 
Genau. Um die Gesundheitsversorgung für Patienten zu verbessern, müssen wir gemeinsam mit allen Akteuren der Gesundheitsversorgung – von der Politik über Ärzte, Krankenversicherungen, Patienten, Start-ups, Krankenhäuser, Ärztenetze, Pharmaindustrie usw. – zusammenarbeiten, gemeinsam Fragestellungen formulieren und versuchen, diese auch gemeinsam zu beantworten. Ich denke, es kommt jetzt darauf an zu verstehen, welche Rolle digitale Lösungen in Gesundheit, Wellness und Medizin spielen können: Wie kann man dem Patienten, den Ärzten und all den anderen Beteiligten wie Angehörigen oder Pflegern wirklich helfen? Was können Start-ups da machen? Dazu brauchen die Krankenkassen aber auch einen Plan: Was bedeutet Digital Health, wohin wollen wir da und wie integrieren wir das? Wie können wir eine Therapie eventuell digitalisieren, um Menschen mehr Freiheit in der Gesundheitsversorgung zu geben oder sie besser zu erreichen? Unter den Typ-1-Diabetikern beispielsweise sind viele junge Leute. Die kann man durch Medical Apps vielleicht besser unterstützen und ein ihrer Krankheit angepasstes Verhalten eher fördern. Ich fände es wichtig, da in Pilotprojekten zusammenarbeiten, damit Entwicklungen vorangetrieben werden.

Wie lange dauern denn Verhandlungen zu Selektivverträgen? 
Mit ein bis eineinhalb Jahren muss man schon rechnen. Wenn es ein Prioritätsthema bei der Kasse ist, dann auch mal nur ein halbes Jahr. Für eine Krankenkasse ist dieser Zeitraum normal, für ein Start-up aber ist das extrem lang. Zumal es nie klar ist, ob eine Verhandlung erfolgreich sein wird oder nicht. Viele Gründer kommen aus der IT-Branche, wo das Tempo von Innovationen viel schneller ist als im Gesundheitswesen. Generell können Verhandlungen mit den Krankenkassen länger dauern als die Entwicklung des Start-up-Produktes selbst – das ist zu lang, um Innovationen in den Markt zu bringen. 

Ist ein Selektivvertrag Garant dafür, dass eine Medical App auch Erfolg haben wird? 
Nein, denn ein Vertrag heißt ja nicht, dass die App von den Mitgliedern der Kasse auch genutzt wird. Es muss zunächst einmal bekannt gemacht werden, dass es diese Zusatzleistung gibt. Darüber informiert dann oft die Krankenkasse. Manchmal müssen aber auch die Start-ups nochmals Energie und Geld in Marketing und Außendienst investieren, um ihr Produkt bei Ärzten und Patienten bekannt zu machen. Dennoch ist der Abschluss eines Selektivvertrags ein großer Erfolg: Der erste Gesundheitsmarkt ist sehr wichtig für Startups, da er Zugang zu Patienten und der breiten Masse schafft – denn in Deutschland sind Patienten in der Regel nicht bereit, neben ihren Krankenkassenbeiträgen für Gesundheitsleistungen noch mal extra zu bezahlen. Und nicht zuletzt bedeutet das Interesse von Krankenkassen für Investoren immer, dass es Zuspruch gibt. 

Müssen Start-ups im Gesundheitsbereich finanziell besser aufgestellt sein als andere App-Entwickler? 
Natürlich. In der Gesundheitsversorgung dauert wegen der vielen Anforderungen alles sehr viel länger, und dieser Zeitraum muss finanziert werden. Investoren im Gesundheitsbereich wissen jedoch meist, dass man solche Start-ups ein paar Jahre lang durchfinanzieren muss. 

Was sind Ihrer Ansicht nach die größten Hürden im deutschen Gesundheitssystem für Start-ups? 
Ich denke, die größte Hürde ist, dass unser Gesundheitssystem sehr konservativ und relativ geschlossen ist: Da wird gerne an der traditionellen Gesundheitsversorgung festgehalten und Veränderungen steht man eher kritisch gegenüber. Oft ist es heute noch so, dass eine Entwicklung über den Arzt an den Patienten herangetragen wird, weil ein Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt besteht. Allerdings sind viele Ärzte noch nicht so fortschrittlich, dass sie Digital Health in ihren Praxisalltag integrieren. Ich denke aber, dass hängt auch damit zusammen, dass viele gar nicht wissen, was Digital Health genau bedeutet. 

Was bedeutet es denn? 
Ob es jetzt Apps sind oder digitale Prozesse, die etwa den Krankenhausablauf unterstützen: Digital Health nimmt uns bestimmte Aufgaben ab, wie zum Bespiel Dokumentationen schreiben oder Übergaben von einer Krankenschwester zur nächsten. Das sind Dinge, die viel Zeit in Anspruch nehmen und auch sehr fehleranfällig sind. Es geht nicht darum, den Arzt oder die Krankenschwester zu ersetzen, sondern eine höhere Qualität in der Patientenversorgung zu erreichen. Denn schließlich bleibt viel mehr Zeit für den menschlichen Kontakt zum Patienten, wenn anderes von digitalen Prozessen erledigt wird. Und das ist doch das wirklich wichtige – für den Patienten, um gesund zu werden, und für die Ärzte, um richtig behandeln zu können. Digital Health wird nie die menschliche Zuwendung ersetzen können. 

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Was müsste sich am deutschen Gesundheitswesen ändern? 
Ich würde mir wünschen, dass wir mehr im Sinne des Patienten denken und gemeinsam an Ideen und Lösungen arbeiten: Start-ups, Krankenkassen, Kliniken, Fachgesellschaften und die Politik sollten sich besser vernetzen. Es braucht diese Zusammenarbeit verschiedener Akteure, um das Potenzial von Digital Health richtig einzusetzen und so in der Patientenversorgung weiter zu kommen. Also, wir sind in Deutschland auf dem digitalem Sektor zwar noch hinterher, aber Ärzte, Patienten, Krankenkassen und all die anderen Akteure werden zunehmend offener, und immer mehr digitale Anwendungen werden in den Alltag integriert. Wir sind auf einem guten Weg.